Kloster Reichenau

Pirmin-Reichenau

Der heilige Pirminius gilt als der Glaubensbote des südwestdeutschen Raumes und des Elsasses schlechthin. Er ist auch Patron der Pfalz, des Elsasses und der Insel Reichenau. Pirmin wurde um 690 vielleicht in Narbonne geboren. Im Kloster Glanfeuil, dem Kloster des heiligen Maurus, dem Schüler Benedikts von Nursia und dessen Nachfolger als Abt von Subiaco soll er die Bildung zum Priester erhalten haben. Wegen seiner guten Kenntnisse und seiner guten Frömmigkeit wurde er zum Priester und Wanderbischof ernannt. Bald genoss er einen großen Ruf und erwirkte zahllose Bekehrungen. Am Bodensee soll er einen alemannischen Adligen namens Sintlaz kennengelernt haben, der auf Schloss Sandegg in Salenstein im Kanton Thurgau gewohnt haben soll und auch auf der Reichenau begütert war. Mit ihm soll Pirmin nach Rom gewandert sein und von Papst Gregor II. (Papst von 715-731) als apostolischer Missionar ins Herzogtum Alemannien gesandt worden sein. Unterstützt wurde diese Mission von den fränkischen Hausmeiern, insbesondere Karl Martell (ca.689-741). 724 gründet Pirmin das Kloster auf der

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Reichenau, gerät dadurch allerdings rasch in Widerspruch zum alemannischen Herzog Theudebald (vor 709-746). Theudebald war der Sohn des 709 verstorbenen Alemannenherzogs Gotfrid und Bruder des Herzogs Lantfrid (+730)Dieser musste ein Kloster in seinem Machtbereich unterstützt von dem fränkischen Hausmeier Karl Martell als Provokation empfinden. So vertrieb er Pirmin 727 aus “Hass gegen Karl”, wie Hermann der Lahme in seiner Chronik schreibt, und auch dessen Nachfolger Heddo (727-734). Es war nur folgerichtig, dass Pirmin allen Klöstern, die er gründete, die benediktinische Ordensregel gab. Pirmin gilt als Vorläufer des Reformabtes Benedikt von Aniane (vor 750-821). Dieser hatte 782 in Aniane ein Kloster gegründet und war von Ludwig dem Frommen, dem Sohn Karls des Großen, an die Kaiserpfalz in Aachen mitgenommen worden. Er gliederte die Mönche im Reich Karls des Großen nach der einheitlichen Regel des Heiligen Benedikts in die Reichskirche ein. Die Synode von Aachen (zwischen 816 und 819)schrieb die von Benedikt verfasste Consuetudo als allein verbindliche Mönchsregel fest. Außerdem entschied die Aachener Synode auch eine deutliche Trennung von Mönch und Kanoniker.

Zurück zur Reichenau. Nach verschiedenen Kämpfen zunächst gegen Karl Martell später dann gegen Pippin und Karlmann wird Theudebald schließlich 744 als Herzog abgesetzt. 727 stiftete Graf Eberhard, Bruder des elsässischen Herzogs Liutfried, in Murbach im Elsass am Fuß des Grand Balllon ein Kloster. Er betraute Pirmin mit dem Aufbau einer Klostergemeinschaft. So wurde Murbach praktisch das erste Tochterkloster der Reichenau.

731 wird in Pfäfers im Kanton St. Gallen ein weiteres Reichenauer Tochterkloster errichtet, wie Hermann der Lahme in seiner Chronik berichtet. Das Kloster wird 761 erstmals urkundlich erwähnt.

Die Äbte Arnefrid (in Konstanz Bischof von736-746), Sidonius (in Konstanz Bischof von 746 bis 760) und Johannes( in Konstanz Bischof von 760-782), das waren der 4. bis 7. Reichenauer Abt,  waren gleichzeitig auch Bischöfe von Konstanz.Johannes war außerdem noch Abt von Sankt Gallen.

Unter Abt Arnefrid wurde 741 das vom Bayernherzog gegründete Niederaltaich an der Donau mit Reichenauer Mönchen besiedelte Kloster gegründet. Das war das 3. Reichenauer Tochterkloster.

742 hatte Pirmin in Hornbach in der Pfalz sein letztes Kloster gegründet, wo er 753 starb.

Das Kloster auf der Bodenseeinsel erlebt nun eine erste Blütezeit. Abt Waldo (786-806) war 782 in St. Gallen Abt geworden.Dort richtetete er eine Bibliothek ein. 786 wurde er Abt der Reichenau. Er war der Gründer der Reichenauer Gelehrtenschule. Und wie in St. Gallen richtete er eine Bibliothek ein und eine Klosterschule. Waldo wurde 791 von Karl dem Großen zum Bischof von Basel und Pavia erhoben. In Pavia war er für die Erziehung des Sohnes von Karl dem Großen,  Pippin,  zuständig. 805 wurde Waldo Reichsabt. Waldos Tätigkeit als Erzieher und Berater Pippins zeigt die Verbundenheit der Klosterinsel mit dem fränkischen Herrscherhaus. Abt Waldo erlaubte Egino von Verona, der wohl von 780-799 Bischof von Verona war, die Gründung der Cella St. Peter und Paul an der Westspitze der Insel. Egino war ein enger Vertrauter Karls des Großen und möglicherweise Verwandter von Karls 2. Frau Hildegard.

220px-Stiftskirche_St_Peter_und_Paul_Reichenau_ApsisWaldo wurde 806 als Hausbischof der Abtei  St. Denis in Paris berufen. Sein Nachfolger war Abt Haito (806-823) Haito war auch Bischof von Basel von 805-823. Schon als Fünfjähriger war er um 767 von seinen Eltern aufs Inselkloster Reichenau geschickt worden. Als Basler Bischof war er Bauherr des Gründungsbau des Basler Münsters. Als Abt der Reichenau war er der erste Bauherr des Reichenauer Münsters, einer dreischiffigen Kreuzbasilika mit Zwillingsapsiden. Das Münster wurde 816 geweiht. Unter Haito war Reginbert Leiter der Reichenauer Bibliothek, einer damals größten Bibliotheken des Abendlandes. Er hatte die Mönche Tatto und Grimald in das Kloster Inden, das spätere Kornelimünster geschickt. Von Reginbert bekamen die beiden Mönche den Auftrag, die Regel zu kopieren. Das machten sie penibel genau und ergänzten sie noch mit einem Zusatz,der Ergänzungen, Korrekturen alter Schreibfehler und Deutungshilfen enthielt. So hatte auch das Kloster Reichenau eine Kopie der Regula Benedicti. Haito war auch bei der Aachener Synode als Teilnehmer dabei.

Aber auch in diplomatischer Mission war Haito für Karl unterwegs. 811 wurde er nach Konstantinopel geschickt. Gegenstand der Mission war vermutlich die Anerkennung des Kaisertitels durch Kaiser Nikephoros I. 803 war schon eine Gesandtschaft nach Konstantinopel gescheitert. Dass nun Haito mit der erneuten Mission betraut wurde, zeigt, welches Ansehen er bei Karl genoss.Um 819 haben Reginbert und Haito den St. Gallener Klosterplan herstellen lassen und wahrscheinlich an Abt Gozbert von St. Gallen als Hilfe und Anweisung gesandt.

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823 legte Haito seine Ämter als Abt und Bischof nieder, möglicherweise wegen einer schweren Erkrankung. In den Reichsannalen wird von einer großen Seuche berichtet, die auch das Kloster heimsuchte. Auf Haito folgte Erlebad (823-838). In seine Regierungszeit fallen die Anfänge des Reichenauer Verbrüderungsbuches. Es ist heute eine wichtige Quelle zur Namensforschung zu einer Vielzahl von Klöstern in Süddeutschland und Nordfrankreich. Mehr als 38.000 Personennamen auf 164 Seiten sind verzeichnet. Es enthält auch Namenslisten der Stifter und Wohltäter des Klosters sowie Personen, die in enger geistiger Bindung zum Kloster standen, so dass ihrer im mönchischen Gebet gedacht wurde.

250px-Reichenauer_Verbrüderungsbuch Den ersten Höhepunkt erlebte die Reichenau unter Walafrid Strabo (842-849). Walafrid ist um 808 in Schwaben in ärmlichen Verhältnissen geboren. Er ist früh an die Reichenauer Klosterschule übergeben worden. Er wird von dem späteren St. Gallener Abt Grimald (841) ausgebildet. Seine Ausbildung setzt er im Kloster Fulda unter Rabanus Maurus (bis 822 Leiter der Klosterschule, von 822-842 Abt in Fulda) fort. Zu seinen Fuldaer Mitschülern zählte auch Otfrid von Weissenburg.

In den Jahren 829 und 838 war er als Prinzenerzieher am Hofe Ludwig des Frommen. Ludwig hatte aus 1. Ehe drei Söhne, nämlich Lothar (795-855), der Kaiser wurde und Pippin (803-838), König von Aquitanien und Ludwig (805- 876), als Ludwig der Deutsche König des ostfränkischen Reiches. 839 wurde Walafrid Strabo von Ludwig zum Abt des Klosters Reichenau erhoben. Walafrid gilt auch bedeutender Dichter der karolingischen Renaissance. Abt Heito hatte die Visionen seines früheren Schülers am Krankenbett aufgezeichnet. Walafrid fasste diese Sterbevisionen, die „Visio Wettini“  in lateinische Hexameter. Das ist die früheste dichterische Umsetzung mittelalterlicher Jenseitsvisionen. 827 schrieb Walafrid den “Hortulus” eines der bedeutendsten botanischen Werke des Mittelalters. In diesem Werk sind 23 Heilpflanzen aufgeführt. Ihm zu Ehren wurden in ehemaligen Klöstern Klostergärten angelegt, so in Seligenstadt und in Mittelzell.

kraeutergartenZur Zeit Walafrids gab es ca. 20 Kirchen und Kapellen auf der Klosterinsel. Die Klosterbibliothek umfasste mehr als 400 Bände.

Am  18. August 849 ertrank Walafrid in der Loire. Damit endete zunächst eine Epoche der Reichenau als ein wichtiges Zentrum der abendländischen Religion.

In der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts hatte der Klosterbesitz der Reichenau eine gewaltige Ausdehnung zumal Karl der Dicke (ostfränkischer König von 876-887) reiche Schenkungen an das Kloster machte. Karl wurde 888 im Münster bestattet.

Spätestens seit 813, möglicherweise schon vor 783 hatte Karl der Große dem Kloster den reichen Fiskalbesitz, also den Besitz, der dem Reich gehörte, um Ulm herum überlassen. 815 , das war schon drei Jahre vor Sankt Gallen, verbriefte Ludwig der Fromme dem Kloster Reichenau Immunität und freie Abtswahl. 888 wurde Hatto Reichenauer Abt. Er war der mächtigste der Reichenauer Äbte. Er war Erzbischof von Mainz, Kanzler Kaiser Arnulfs und gleichzeitig Abt von Ellwangen (bis 905), Lorsch und Weißenburg. Nach den Verheerungen des Klostergutes bei den Ungarneinfällen begann das Kloster wieder zu blühen. Unter Abt Alawich (934-958) festigte sich die staatliche Gewalt unter Otto dem Großen, dem Sieger auf dem Lechfeld. Unter seiner Leitung öffnete sich das Bodenseekloster für die Reform von Gorze (ab 943),  die für ein Reichsmönchtum unter weltlicher Herrschaft plädierte. Die Reichenau zeigte sich aber auch gleichzeitig offen für das Gedankengut von Cluny. Diese betonte eine Loslösung der Klöster aus dem Herrschaftsanspruch der Bischöfe. Die Klöster wurden direkt dem Schutz des Papstes unterstellt. Die Reformpartei wurde unter Abt Ekkehard (958-972)zurückgedrängt, erstarkte aber unter Ruodmann (972-985) wieder. Abt Ruodmann erhielt große Schenkungen der letzten Nachkommen der beiden mächtigsten schwäbischen Geschlechter, der Alaholfinger und der Burkhardinger und konnte so den Klosterbesitz außerordentlich vermehren. Das solide wirtschaftliche Fundament bildete die Ausgangsbasis für eine zweite künstlerische Blüte der Reichenau. Abt Witigowo (985-997) fasste die verschiedenen Klosterbauten zu einer baulichen Einheit zusammen. Unter Witigowo erreichte die Reichenauer Malschule ihre höchste Blüte. Herausragende Maler sind Keralt und Heribert. Illuminierte Codices sind beispielgebend für die

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Kunst in ganz Europa. Das Perikopenbuch Heinrichs II. Das Buch entstand vermutlich im Auftrag Heinrichs II. (1002-1024) im Kloster Reichenau für den Bamberger Dom anlässlich dessen Weihe und zählt zu den Hauptwerken der ottonischen Buchmalerei.

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Künstlerisches Vermächtnis sind auch die romanischen Kirchenbauten, vor allem St. Georg mit seinen Wandmalereien. Allerdings kommt Kritik an seinen Aufwendungen für Hofreisen und Bauten auf und so wird er 997 zur Abdankung gezwungen. Für seinen Nachfolger Alawich II. (997-1000) erwirkt Otto III. bei Papst Gregor V. (996-999, der erste deutsche auf dem Papstthron, aus dem Geschlecht der Salier stammend) das Recht zum Gebrauch der Pontifikalien. Außerdem erhält Alawich die privilegierte Stellung eines römischen Abtes. Dessen Weihe steht allein dem Papst zu. Daraus entwickelte sich eine völlige Exemtion der Abtei vom Diözesanbischof. Außerdem wurde bestimmt, dass die Äbte an ihrem Weihetag statt des Zinses einen Codex sacramentorum, einen Codex epistolarum und einen Codex evangeliorum sowie zwei Schimmel zum Geschenk machen sollten. Man kann da wohl auch die Wertschätzung der Reichenauer Malschule herauslesen. 1031 bestätigte Papst Johannes XIX. dieses Privileg und bestimmte, dass der Abt aus dem Konvent genommen werden müsse. Das stieß allerdings auf heftigen Widerstand des Konstanzer Bischofs Warmann. Dieser wandte sich an Konrad II. (1024-1039). Abt Berno musste das Privileg ausliefern. Es wurde 1032 öffentlich verbrannt.

Heinrich II. (1002-1024), Sohn Heinrich des Zänkers, war an der Domschule von Hildesheim zunächst für den geistliche Stand ausgebildet werden. Seine Ausbildung beendete er in Regensburg unter Bischof Wolfgang. Beeinflusst wurde er in dieser Zeit auch von Abt Ramwold von St. Emmeran. Beide waren Befürworter der Reform von Gorze. Heinrich betrieb die Reform der Reichsklöster. So setzte er auch für Reichenau unter Umgehung des Wahlrechts des Konvents 1006 den aus Gorze stammenden Immo als Abt ein. Wegen seiner Reformstrenge konnte sich dieser aber nicht gegen den adligen Konvent durchsetzen. Der Konvent erzwang von Heinrich die Absetzung Immos. Der wurde durch den aus Prüm stammenden Berno, der im französischen Reformkloster Fleury ausgebildet war, abgelöst. Der neue Abt konnte die Spannungen im Konvent ausgleichen. Dem Reformgeist Clunys und Gorzes entsprechend hielt sich Berno in militärischen und diplomatischen Aufgaben das Reich betreffend zurück. Aber er nahm lebhaften Anteil an den Geschehnissen seiner Zeit, wie man seiner Korrespondenz entnehmen kann.

In den Auseinandersetzungen zwischen Konrad II. und seinem Stiefsohn Herzog Ernst von Schwaben stellte sich die Abtei auf die Seite des Königs.

Unter Abt Berno erlebte das Kloster nochmals eine große Blütezeit. Berno machte sich als Wissenschaftler und Musiker einen Namen. Von ihm sind einige musiktheoretische Schriften erhalten. Sein liturgisches Hauptwerk ist “De officio missae”. Darin zeigt sich auch das Hauptanliegen Bernos, die Hebung des Gottesdienstes und die Förderung der Marienverehrung. Der bedeutendste Schüler

ae1c6161d910a598 in der neu erblühenden Schule war Hermann der Lahme (1013-1054). Er stammte aus dem schwäbischen Adelsgeschlecht von Altshausen-Veringen und wurde als Sohn des Grafen Wolfrat und dessen Frau Hiltrud geboren. Er war von Geburt an spastisch gelähmt und kam schon mit sieben Jahren in die Klosterschule Reichenau. Er galt nach Arno Borst als der große Universalgelehrte des 11. Jahrhunderts. Seine Chronik, die von Christi Geburt bis zum Jahr 1054 reicht, ist eine der wichtigsten Quellen des 11. Jahrhunderts. Wichtig war er auch für die Mathematik und Astronomie. Möglicherweise geht die Einteilung der Stunde in Minuten, vermutlich für astronomische Beobachtungen, auf ihn zurück. Auf dem Gebiet der Musik ist das noch heute gesungene “Salve regina” von ihm geblieben.

Auch wirtschaftlich war die Abtei unter Abt Berno sehr erfolgreich. Unter Berno  wurde der Markuschor und das Turmwerk erbaut. In Anwesenheit Heinrichs III., zu dem Berno ein enges Verhältnis hatte, wurde das Reichenauer Münster 1048 geweiht.

e2b3849409b20bc6 Der Investiturstreit unter Heinrich IV. (ab 1056 deutscher König, von 1084-1105 deutscher Kaiser) und Papst Gregor VII., der vor seiner Wahl zum Papst im Kloster Cluny Mönch war, betraf natürlich auch eine so wichtige Abtei wie Reichenau. Er markiert auch in der Geschichte der Reichenau eine Wende. Die Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaft und Kunst wurden geringer. Die Bibliothek wurde vernachlässigt. Die Malschule verlor ihre führende Stellung.

Ekkehard von Nellenburg wurde 1071 Abt der Reichenau. Sein Vater Graf Eberhard von Nellenburg war mit dem salischen Kaiserhaus und Papst Leo IX., der 1049 als Bruno Graf von Egisheim und Dagsburg Papst wurde, verwandt. Die Familie war antikaiserlich eingestellt.Ekkehard hatte sich auch voll auf die Seite des Gegenkönig Rudolfs gestellt, der in Forchheim 1077 von den oppositionellen süddeutschen Herzögen und den drei Erzbischöfen von Mainz, Magdeburg und Salzburg zum Gegenkönig Heinrichs gewählt worden war, weil er 1076 von Papst Gregor VII. 1076 für abgesetzt erklärt und exkommuniziert worden war.  In St. Gallen setzte Rudolf Lutold als Abt ein.Die Mönche scheinen aber auf Seiten Heinrichs IV. gestanden zu sein.Aus Empörung über Rudolf und Lutold zerbrachen sie Lutolds Abtstab. Als Heinrich wieder erstarke setzte er Ulrich von Eppenstein als Abt ein.Obwohl dieser nicht aus dem Konvent kam und auch nicht durch eine Wahl ins Amt kam, wurde dieser von den St. Gallener mönchen freudig bnegrüßt. Lutold konnte sich in St. Gallen nicht mehr halten und suchte Zuflucht auf der Reichenau. Er tat alles, um seinen St. Gallener mitbrer wieder ins Amt zu bringen. Im Auftrag Rudolfs unternahm Ekkehard 1077 eine Reise nach Rom, während der er von König  Heinrich gefangengesetzt wurde. Erst 1079 kam er aus der Gefangenschaft frei. Der Sankt Gallener Abt war 1079 als Gegenabt Ekkehards eingesetzt. Die offene Feindschaft, die zwischen den benachbarten Abteien Sankt Gallen und Reichenau mittlerweile herrschte, wurde in vier Feldzügen ausgetragen, bei denen sich Abt Ekkehard gegen Ulrich III. schließlich durchsetzen konnte. In Konstanz wurde 1084 Gebhard III., Sohn des Zähringerherzogs Bertolds I. zum Bischof ernannt. Gebhard war ein prominenter Vertreter der päpstlichen Partei. Er stellte sich schließlich auch auf die Seite der Söhne Heinrichs IV. Er spielte eine nicht unwesentliche Rolle bei der Abdankung Heinrichs IV. und der Wahl seines Sohnes Heinrichs V. Die Wahl eines Reformbischofs minderte die Spannungen in der Nachbarschaft der Reichenau.

Als Abt Ekkehard 1088 stirbt, wird Ulrich II. von Dapfen (1088-1123) Reichenauer Abt. Er war Kustos, Lehrer und Archivar. Er gilt als der größte Urkundenkenner seiner Zeit, Historiker sprechen auch vom “Topspezialisten in Urkundenfälschung”.

Zu seiner Zeit als Abt war die Reichenau die “berühmteste Fälscherwerkstatt des 12. Jahrhunderts“. Ein schönes Beispiel Reichenauer Fälscherkunst ist die “Reichenauer Schenkung” in Ulm. Dort gibt es eine aufs Jahr 813 datierte Urkunde. Mit dieser Urkunde wurde der königliche Ort Ulm aus dem Besitz des Reiches dem Kloster Reichenau übertragen. Ulrich hatte die Originalurkunde Ludwigs des Deutschen verwendet. Sein Siegel und Rekognitionszeichen verblieben auf der Urkunde. Nur der Text war abgeändert. Ursprünglich war wohl nur die Ulmer Pfarrkirche und deren Grundbesitz übertragen worden. Nun war es aber gesamte Grundbesitz Ulms. Hauptsächlich aber hatten die Fälschungen drei Ziele, die Übermacht der Vögte sollte zurückgedrängt werden, Heerespflicht, Besuch der Hoftage und die Pflicht zum Servitium für den reisenden Kaiser sollte eingeschränkt werden, was die wirtschaftlich angespannte Situation der Abtei etwas gelindert hätte. Schließlich wollte man auch die Stellung gegenüber dem Bischof in Konstanz stärken. Die Bestätigung der Exemtion und der Verzicht auf die Weihegewalt sollte die kirchenrechtliche Stellung der Reichenau verbessern. Ulrich konnte schließlich auch aufgrund eines Privilegs Heinrichs IV. den Markt Radolfzell gründen, was schon Abt Ekkehart versucht hatte.

1169 wurde Diethelm von Krenkingen als Abt eingesetzt. Er war Reichenauer Abt, bis er 1206 auf alle Ämter verzichtet hatte und als einfacher Mönch ins Kloster Salem eingetreten war. Diethelm war treuer Gefolgsmann des Kaisers, eine politische Persönlichkeit, die durch ihr Eintreten für die Sache des Kaisers die alte

Einheit von Kirche und Reich verkörperte.

229px-Diethelm_von_Krenkingen1189 wurde Diethelm Bischof von Konstanz. Damit war seit langer Zeit wieder Bistum und Abtei in einer Hand vereint. 1196 übertrag ihm Philipp von Schwaben  (1177-1208) die Verwaltung des Herzogtum Schwaben. 1197 gab er den Ausschlag bei der Entscheidung,  Philipp zum König zu wählen. In den Folgejahren war er nun meist in der Umgebung Philipps zu finden. Um seine Verpflichtungen im  Reichsdienst zu erfüllen, musste er ein Gut der Oberzeller St. Georgskirche verkaufen. Das zeigt, wie angespannt die finanzielle Lage der Reichenau bereits war. 1183 wurde auf dem Michaelsberg bei Ulm ein Hospital errichtet. Damit unterstrich er die reichenauischen Rechte in Ulm. Seine besondere Förderung galt aber der Zisterziensergründung in Salem. Er gestatte ihr den Erwerb vieler reichenauer Güter. Die Lehenshoheit der Abtei gegenüber Vasallen und Dienstleuten des Klosters konnte er nochmals durchsetzen. Mit dem Eintritt Diethelms als einfacher Mönch ins Kloster Salem hatte die Reichenau ihre aktive Rolle in der Reichspolitik verloren.

Konrad von Zimmern wurde der 44. Abt der Reichenau. Unter Konrad erlebte die Abtei eine schwere Zeit. Gleich zu Beginn seiner Zeit brannte das Kloster mit Ausnahme des Münsters nieder. Es gab Konflikte zwischen Papst und Kaiser, infolge derer Abt Konrad 1244 gebannt wurde. Es gab wieder einen Konflikt mit dem Bischof, der den Abt vor seiner Haustür der bischöflichen Gerichtsbarkeit unterstellt sehen wollte und schließlich gab es auch Konflikte innerhalb des Klosters, da die Fronten in der Mönchsgemeinschaft zwischen Kaiser und Papst-Parteien verliefen. Konrad starb 1255. Die Zimmersche Chronik nennt das Datum 1253. Abt Burkhard von Hewen (1253-1259) verwaltete die Abtei sehr schlecht. So traf die allgemeine Wirtschaftskrise der Benediktinerklöster in der Mitte des 12. Jahrhunderts die Abtei besonders hart. Die Mehrheit der Mönche warfen dem Abt Verschleuderung der Klostergüter, Simonie und Zerstörung des Ordenslebens vor. Sie baten Papst Alexander IV. (Papst von 1254-1261) um ein Eingreifen. Dieser beauftragte 1256 die Äbte von Ottobeuren, Einsiedeln und Neuweiler (Elsass) mit einer Reform der Reichenau. Der St. Gallener Abt Berchtold von Falkenstein wurde 1258-1259 als Koadjutor eingesetzt. Der Konstanzer Bischof Eberhard II. (1248-1274) wollte die Abtei erwerben, blieb aber erfolglos. Nun wurde Albrecht von Ramstein Abt der Reichenau (1260-1294.) Auch er musste Klosterbesitz weiter verpfänden oder veräußern. Allerdings konnte er das Klostergut konzentrieren und zusammenziehen. Entfernter Besitz wurde weggeben, um die Insel und ihre nächste Umgebung von fremden Einflüssen freizuhalten.

Zwischen 1253 und 1259 wurde am Bodensee eine Deutschordenskommende gegründet. Ihr musste zugestanden werden, Reichenauer Lehen als Zinseigen zu erwerben. Zwischen 1296 und 1306 war der Konstanzer Bischof Heinrich von Klingenberg Gubernator der Reichenau ,also Verwalter. Außerdem war Heinrich auch Kanzler des Reiches. 1306 wurde Diethelm von Kastel, der von 1292 bis 1321 Abt von Petershausen war, Reichenauer Abt. Mit ihm wurde erstmals ein Abt an die Spitze berufen, der nicht Angehöriger des Hochadels war. Er ließ das Dormitorium und Refektorium wieder aufbauen. Er mühte sich, die Beschränkung des Nachwuchses auf den Hochadel aufzuheben, blieb aber damit erfolglos. Da diese Adelskreise in der Abtei eine Versorgungsanstalt für jüngere Söhne sah, widersetzten sie sich diesem Bestreben. So blieb Diethelm damit erfolglos. Mehr Erfolg hatte er mit seinen Bemühungen um die wirtschaftliche Sanierung der Abtei. Er inkorporierte die Pfarrkirche in Ulm, die Pfründe der Kirche gingen also an das Kloster. Die Einkünfte des Klosters in dieser Zeit betrugen etwa 400 Mark Silber, Ulm erbrachte 61 Mark Silber, ein wichtiger Posten also. (Eine Mark Silber entspricht etwa der Kaufkraft von 15.000 €) Beim Tod Diethelms verfügte die Abtei erstmals wieder über Barvermögen. Aber schon die Regierung der beiden Äbte Eberhard von Brandis (1343-1379) und Mangold von Brandis (1383-1385). machte die Erfolge Diethelms wieder zunichte. 1367 verkaufte Eberhard von Brandis alle Güter und Rechte des Klosters an seine Familie. Als Abt Werner von Rosenberg (1385-1402) 1402 starb, waren gerade noch zwei Konventsherren im Kloster, Graf  Hans von Fürstenberg und Friedrich von Zollern. Bei der Wahl wählte der Neffe den Onkel zum Abt.Abt Friedrich von Zollern wurde 1427 abgesetzt. Ihm
eb41b0ac52512d28folgte Heinrich von Hornberg nach, der aus St. Peter im Schwarzwald kam und  nach nur hunderttägiger Amtszeit starb. Mit ihm endet die Periode hochadliger Exklusivität auf der Reichenau.

Papst Martin V. (1417-1431, auf dem Konstanzer Konzil zum Papst gewählt) bestimmte Friedrich von Wartenberg-Wildenstein (1427-1453) zum Abt. Erstmals wurde so der Angehörige eines Ministerialengeschlechts Reichenauer Abt. Er hatte zuvor die Propstei Klingnau in der Schweiz geleitet. Klingnau war Propstei des Reformklosters St. Blasien. Friedrich hob die Beschränkung des Konvents auf den Hochadel auf. Die beiden letzten Mönche verließen aus Protest das Kloster. Innerhalb von 2 Jahren waren wieder 13 Konventuale im Kloster. Abt Friedrich gab dem Konvent ein Reformstatut. Er schickte drei Mönche zum Studium nach Wien. Um ein geordnetes Klosterleben zu ermöglichen, umgab er den Klosterbezirk mit einer Mauer. Er ließ Dormitorium und Refektorium neu erbauen. Besondere Sorge widmete er der vernachlässigten Bibliothek und ergänzte sie durch beachtliche Zukäufe. 1446 verkaufte er das schon lange strittige Patronatsrecht über die Stadtkirche in Ulm für 25000 Gulden. Damit verfügte er über die finanziellen Mittel um die Besitzungen der Reichenau am Untersee auszulösen. Bei seinem Tod stand die Abtei wieder auf einer wirtschaftlich soliden Basis. Der übernächste Abt, Johann Pfuser von Nordstetten (1464-1492), der unter Abt Friedrich Cellerar war, zerstörte mit seiner Misswirtschaft den Neuansatz. Erzherzog Sigismund von Österreich (1427-1496) und die Stadt Zürich nötigten Abt und Konvent für 10 Jahre zum Verzicht auf die Verwaltung ihrer Güter. Die Abtei geriet nun vollends in das Spannungsfeld zwischen Habsburger Interessen und denen des Bischofs von Konstanz.Habsburg wollte seit den Schweizer Kriegen, die Abtei in den österreichischen Herrschaftsverband einzugliedern, die Konstanzer Bischöfe wollten das Kloster idem Bistum inkorporieren, um die zerrütteten  bischöflichen Finanzen aufzubessern und schließlich war noch ein dritter Mitspieler dabei, der Deutschorden, der die Abtei für die Kommende Mainau erwerben wollte. Die Äbte legten es nur noch darauf an, für sich eine möglichst hohe Abfindung herauszuhandeln. Beim Tod des Abtes Martin von Weißenburg (1492 bis 1508) bestand die Abtei wieder nur noch aus zwei Mönchen. Der Konstanzer Bischof  Hugo von Hohenlandenberg (1496-1531) erlangte von Papst Julius II. (1443-1513) eine Bulle, mit der er die Abtei dem Bistum inkorporierte. Dem widersetzte sich jedoch Habsburg und konnte 1508 die Wahl des Markus von Knöringen (1508-1516) durchsetzen. Die weltliche Verwaltung blieb ihm aber vorenthalten. Eine 1510 zwischen dem Bistum und Habsburg getroffene Vereinbarung, in der Konstanz Österreich  als ewigen Schirmherr der Reichenau anerkannte, der Kaiser aber dem Bischof die Abtei auf zehn Jahre einräumte, konnte wegen des Widerspruchs der Stadt Konstanz nicht wirksam werden. Nach zähen, wechselvollen Verhandlungen und Geldzahlungen an den Konstanzer Bischof und den Abt Markus von Knöringen konnte nochmals eine neue Lösung gefunden werden. Georg Fischer (1516-1519), der ehemalige Zwiefaltener Abt, wurde zum Reichenauer Abt erhoben. Die Reichenau hatte wieder einen fähigen Abt. Er verbesserte die wirtschaftliche Situation des Klosters erheblich. Auch die klösterliche Disziplin stärkte er wieder. Nach nur drei Jahren starb er aber. Der Konvent wählte den bisherigen Subprior Gallus Kalb zum Abt. Markus von Knöringen bestritt aber den Konventualen ein passives Wahlrecht. So wurde 1523 Markus von Knöringen wieder Abt. Das Bistum Konstanz verfolgte seine Inkorporationspläne weiterhin, zumal es aufgrund der Reformation zahllose Pfarreien verloren hatte. Bischof Johann von Lupfen erhielt von Papst Paul III. 1535 die Erlaubnis zur Inkorporation. Abt Markus von Knöringen verzichtete gegen eine jährliche Abfindung von 1400 Gulden, das entspricht einem heutigen Geldwert von etwa 63000 € + Naturalien. Kaiser Karl V. (Kaiser von 1519-1556) gab dazu 1541 sein Einverständnis.

An die Stelle der Abtei trat ein Priorat mit 12 Mönchen, das dem Bischof von Konstanz untergeordnet war. Der Reichenauer Konvent  strebte in den Folgejahren nach der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit der Abtei. 1757 wurde schließlich nach Prior Meinrad Meichelbeck durch päpstlichen Erlass ganz aufgehoben. Die Mönche wurden von der Insel vertrieben. Statt des Konvents wurde eine Reichenauer Mission mit 12 Patres aus verschieden Konventen eingerichtet. 1803 wurde das Bistum Konstanz aufgehoben und damit auch die Reichenauer Mission.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemühten sich die Benediktiner aus Beuron, die Reichenau dem Orden zurückzugewinnen. Doch gelang es ihnen nicht, benediktinische Tradition an einem Ort wieder zu beleben, wo es einmal größte Bedeutung im südwestdeutschen Raum gehabt hat.

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