{"id":1439,"date":"2011-04-10T17:32:06","date_gmt":"2011-04-10T17:32:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/?p=1439"},"modified":"2011-04-13T14:14:20","modified_gmt":"2011-04-13T14:14:20","slug":"der-pfeifer-von-niklashausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/?p=1439","title":{"rendered":"Der Pfeifer von Niklashausen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/x350b0_pfeifer_niklashausen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"display: block; float: none; margin-left: auto; margin-right: auto; border-width: 0px;\" title=\"x350b0_pfeifer_niklashausen\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/x350b0_pfeifer_niklashausen_thumb.jpg\" border=\"0\" alt=\"x350b0_pfeifer_niklashausen\" width=\"244\" height=\"158\" \/><\/a><\/p>\n<p>Weit beachtet wurde im Fr\u00fchjahr 1476 ein junger Schweinehirt und Musikant, der in Niklashausen, einem kleinen Dorf im Taubertal, das noch heute 600 Jahre sp\u00e4ter gerade mal 460 Einwohner z\u00e4hlt, wirkte.\u00a0 Er zog innerhalb kurzer Zeit Scharen von Menschen an. Nach zeitgen\u00f6ssischen Berichten lauschten bis zu 40.000 Menschen seinen Predigten. Keine 20 Jahre sp\u00e4ter war er schon in der Schedelschen Weltchronik mit Holzschnitten abgebildet. Die protestantische Historiographie sieht in Hans B\u00f6hm einen vorreformatorischen Reformator. Die sozialistische Geschichtsschreibung sieht in ihm einen ersten H\u00f6hepunkt der fr\u00fchb\u00fcrgerlichen Revolution und der DDR galt 1476 als Epochenjahr f\u00fcr den Beginn der Neuzeit.<\/p>\n<p>Werfen wir erst mal einen Blick auf das 15. Jahrhundert. Das Konzil in Konstanz 1414-1418 war zu Ende gegangen. Es beendete die Zeit von Papst und Gegenpapst, die \u00fcber Jahrzehnte die Christenheit in Europa in Atem gehalten und gespalten hatte. Im kirchlichen Bereich hatte das einen erheblichen Autorit\u00e4tsverlust nach sich gezogen. 1415 war Johannes Hus als Ketzer in Konstanz verbrannt worden. Man hatte zwar seine Person vernichten k\u00f6nnen, nicht aber seine Ideen. Gerade in Bayern hatten diese durchaus noch Wirkung.<\/p>\n<p>Zu der Unzufriedenheit mit den bestehenden kirchlichen Verh\u00e4ltnissen kam eine enorme Unzufriedenheit mit den sozialen und politischen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Die \u201cReformation Sigismundi\u201d wurde 1439 von einem unbekannten Verfasser geschrieben, 1476 erstmals gedruckt, erlebte bis 1522 sieben Auflagen und wurde rasch zur verbreitesten Reformschrift ihrer Zeit.<\/p>\n<p>In den St\u00e4dten\u00a0 mehrten\u00a0 sich die Auseinandersetzungen. Oft war es eine Auseinandersetzung der Z\u00fcnfte mit den Patriziern um die Herrschaft in der Stadt, sowie z. B. 1430 in Bamberg<\/p>\n<p>In der Schweiz, in der Gegend um Salzburg, in Worms gibt es erste Erhebungen\u00a0 der Bauern (1431\/1432).<\/p>\n<p>Die F\u00fcrsten versuchten ihre Herrschaft auszubauen. Der Umbau vom mittelalterlichen Dom\u00e4nenstaat auf den fr\u00fchmodernen Finanzstatt wird forciert.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft die Landesherren f\u00fchren Steuern ein und schaffen damit neben den<\/p>\n<p>Dom\u00e4neneinkommen ein neues Standbein f\u00fcr die Staatsfinanzierung.<\/p>\n<p>Bu\u00dfprediger haben Konjunktur. In W\u00fcrzburg predigt Capistran (1386-1456)mit gro\u00dfem Erfolg. Vieles was er in W\u00fcrzburg predigte, taucht auch bei Hans B\u00f6hm auf.<\/p>\n<p>Das Niveau vor allem des niedrigen Klerus ist kaum zu unterbieten. Und Papst und Bisch\u00f6fe standen ja auch stark in der Kritik. So predigte ein Stra\u00dfburger Bu\u00dfprediger \u00fcber die Bisch\u00f6fe:\u201d mit viel Pferden reiten, gross Ehr einnehmen, den S\u00e4ckel f\u00fcllen, gute H\u00fchnlein essen und den Huren nachlaufen\u201d.<\/p>\n<p>Nun wird im Mai 1476 Der Bischof von W\u00fcrzburg Rudolf von Scherenberg (ca. 1401- 1495) vom Grafen Johann III. von Wertheim informiert, dass immer gr\u00f6\u00dfer werdende Menschenmengen nach Niklashausen pilgerten, weil dort ein junger Hirte<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/220pxScherenberg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"display: block; float: none; margin-left: auto; margin-right: auto; border: 0px;\" title=\"220px-Scherenberg\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/220pxScherenberg_thumb.jpg\" border=\"0\" alt=\"220px-Scherenberg\" width=\"184\" height=\"244\" \/><\/a>Marienerscheinungen gehabt habe und Predigten abhalte. Hans B\u00f6hm war um 1450 in Helmstadt, nahe W\u00fcrzburg geboren. Der W\u00fcrzburger Bischof hatte die geistige Herrschaft \u00fcber Helmstadt inne, der Wertheimer Graf die weltliche. Noch ein dritter Akteur war mit der Angelegenheit befasst, n\u00e4mlich der mainzer Erzbischof Diether von Isenburg (1412-1482), der f\u00fcr Niklashausen zust\u00e4ndige Di\u00f6zesanbischof.<\/p>\n<p>Man wei\u00df wenig \u00fcber Hans B\u00f6hm. Er ist in sehr \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen aufgewachsen, war wahrscheinlich Waisenknabe und musste schon als Kind seinen Lebensunterhalt bestreiten.Auf Grund seines Namens wird oft angenommen, dass seine Eltern aus B\u00f6hmen stammen. Der Name B\u00f6hm war aber in der Grafschaft Wertheim durchaus verbreitet. In seinen Predigten erz\u00e4hlt Hans B\u00f6hm von seinen Marienerscheinungen. Das ist nicht verwunderlich gilt der Taubergrund doch heute noch als Madonnenl\u00e4ndchen und Marienfeste wurden in der Grafschaft Wertheim als besondere Feiertage gehalten. Nach\u00a0 L\u00e4tare, dem 4. Fastensonntag trat Hans B\u00f6hm \u00f6ffentlich auf, verbrannte seine Pauke und hielt seine erste Predigt. Er forderte zur Marienwallfahrt nach Niklashausen auf. Wenn man in Demut und Verehrung zum Gnadenbild nach Niklashausen wallfahre, erhalte man ebenso vollkommenen Ablass, wie wenn man zum Papst nach Rom pilgere.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/357pxNiklashausen_lied.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"display: block; float: none; margin-left: auto; margin-right: auto; border: 0px;\" title=\"357px-Niklashausen_lied\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/357pxNiklashausen_lied_thumb.jpg\" border=\"0\" alt=\"357px-Niklashausen_lied\" width=\"147\" height=\"244\" \/><\/a>Die Zuh\u00f6rer wurden\u00a0 aufgefordert, Schmuck, seidene Schn\u00fcre, spitze Schuhe und Brustt\u00fccher als Zeichen der S\u00fchne zu opfern.<\/p>\n<p>Die Marienkirche von Niklashausen war 1344 geweiht worden und seit 1353 im Besitz eines in Avignon ausgestellten Ablassbriefes.<\/p>\n<p>Hans B\u00f6hm prangerte die Habgier des Adels an, forderte auf,\u00a0 seinen Lebensunterhalt mit eigener\u00a0 H\u00e4nde Arbeit zu verdienen und mit Bed\u00fcrftigen zu teilen. Standesunterschiede, Abgaben und Frondienste sollten abgeschafft werden.<\/p>\n<p>Privater und hoheitlicher Besitz an Feldern, Wiesen, W\u00e4ldern und Gew\u00e4ssern seien<\/p>\n<p>in die Allmende zu \u00fcberf\u00fchren. Die Wallfahrt erhielt bald einen ungeheuren Zulauf.<\/p>\n<p>Aus der n\u00e4heren Umgebung aber auch aus dem Rheingebiet, aus den Alpengegenden, dem Elsass, Th\u00fcringen, aus dem Harz ja bis aus Sachsen und Mei\u00dfen str\u00f6mten die Menschen herbei. Seine politischen und sozialen Forderungen verbunden mit seinen religi\u00f6sen Ideen bargen ungemeinen Sprengstoff. Die Obrigkeit schritt ein. Zun\u00e4chst waren bibelfeste Glaubensbr\u00fcder entsandt worden, die den Pfeifer als Scharlatan entlarven sollten. Obwohl ungebildet war der Pfeifer den gesandten Geistlichen rhetorisch und argumentativ \u00fcberlegen. Mit Hohn und Spott vom Publikum bedacht zogen sie ab, um in W\u00fcrzburg Bericht zu erstatten.<\/p>\n<p>Ende Juni 1476 beschlossen die Mainzer und W\u00fcrzburger bisch\u00f6flichen R\u00e4te, die<\/p>\n<p>Niklashausener Wallfahrt zu verbieten. Mit gezielten Falschmeldungen versuchte man, die bayrischen und schw\u00e4bischen Landesherren zu mobilisieren. Am 13. Juli wurde Hans B\u00f6hm von w\u00fcrzburgischen Reitern gefangen genommen, mit ihm zusammen ein M\u00f6nch, der wie Hans B\u00f6hm im Verh\u00f6r sagte, ihn zum Predigen bekehrt habe. Als die Wallfahrer von der Verhaftung erfuhren, herrschte zun\u00e4chst Verwirrung unter den Wallfahrern. Am 14. Juli zogen rund 16.000 Wallfahrer mit<\/p>\n<p>Kerzen und Fahnen nach W\u00fcrzburg und sangen christliche Lieder. Dort war man bei der Ankunft dieser Massen nat\u00fcrlich beunruhigt. Konrad von Hutten als Abgesandter konnte die Menge zun\u00e4chst beruhigen. Die Masse zerstreute sich und zog ab. Als Konrad von Hutten aber ins bisch\u00f6fliche Schloss zur\u00fcckgekehrt war, wurde von den W\u00e4llen des Schlosses mit Kanonen in die Menge geschossen. Die Menge fl\u00fcchtet in Panik, viele werden verwundet, einige get\u00f6tet. Dem Pfeifer aber wurde der Prozess gemacht. Schon am\u00a0 19. Juli wird das Urteil \u00fcber ihn gesprochen. Er wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Zwei Bauern werden enthauptet.<\/p>\n<p>Einige Adlige waren vorher Hans B\u00f6hm zur Seite gestanden. Die Herren von Th\u00fcngfeld und die Herren von Stetten. Kunz und Michael von Th\u00fcngfeld mussten dem W\u00fcrzburger Bischof Urfehde schw\u00f6ren. Die zwei Bauern wurden enthauptet und<\/p>\n<p>Hans B\u00f6hm auf den Scheiterhaufen gebracht, wo er laut Marienlieder sang, bis seine Stimme brach.<\/p>\n<p>Das Singen der Lieder B\u00f6hms, die Verbreitung seiner Botschaft wir verboten und unter Strafe gestellt. Hans B\u00f6hm wird als leichtlebiger Musiker, als Sackpfeifenspieler und als Narr dargestellt.<\/p>\n<p>Die drei Herren teilten sich die Opfergaben, die an Niklashausen entrichtet worden waren auf. \u00dcber die Kirche wurde ein Interdikt gesprochen. 1477 sollte sie abgerissen werden. Auf Bitten der Gemeinde und ihrer F\u00fcrsprecher wurde davon abgesehen. 1618 wurde f\u00fcr die bauf\u00e4llig gewordene Kirche ein Neubau errichtet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/300pxHans_Bhm_auf_dem_Scheiterhaufen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"display: block; float: none; margin-left: auto; margin-right: auto; border: 0px;\" title=\"300px-Hans_B\u00f6hm_auf_dem_Scheiterhaufen\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/300pxHans_Bhm_auf_dem_Scheiterhaufen_thumb.jpg\" border=\"0\" alt=\"300px-Hans_B\u00f6hm_auf_dem_Scheiterhaufen\" width=\"244\" height=\"208\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weit beachtet wurde im Fr\u00fchjahr 1476 ein junger Schweinehirt und Musikant, der in Niklashausen, einem kleinen Dorf im Taubertal, das noch heute 600 Jahre sp\u00e4ter gerade mal 460 Einwohner z\u00e4hlt, wirkte.\u00a0 Er zog innerhalb kurzer Zeit Scharen von Menschen an. 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