{"id":2005,"date":"2012-05-07T20:07:15","date_gmt":"2012-05-07T20:07:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/?p=2005"},"modified":"2014-01-08T17:25:36","modified_gmt":"2014-01-08T17:25:36","slug":"matthias-erzberger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/?p=2005","title":{"rendered":"Matthias Erzberger"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Unbenannt2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border-width: 0px;\" title=\"Unbenannt\" alt=\"Unbenannt\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Unbenannt_thumb2.png\" width=\"189\" height=\"244\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am 26. September 1875 wird Matthias Erzberger in dem kleinen Albd\u00f6rfle bei M\u00fcnsingen geboren. Er war eines von 6 Kindern des Postboten und Schneiders Josef Erzberger<\/p>\n<p>und dessen Frau Katharina geborene Flad. Sein Geburtshaus ist heute die Erzberger-Gedenkst\u00e4tte. In Bichishausen, Nachbarort von Buttenhausen und beides Teilorte der Gemeinde M\u00fcnsingen<\/p>\n<p>besuchte er die Volksschule. Schon dort war seine auffallende Begabung zu erkennen.Von Bichishausen wechselte er in die Pr\u00e4parandenanstalt in Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd. Das war damals die unterste Stufe der Volkschullehrerpr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Danach\u00a0 besuchte er das katholische Lehrerseminar in Saulgau. Das war eigentlich die einzige M\u00f6glichkeit, die sich einem Kind aus so armen Hause bot. Mit 19 Jahren legte er die Volksschullehrerpr\u00fcfung ab.<\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/imagesCAFU6893.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border-width: 0px;\" title=\"imagesCAFU6893\" alt=\"imagesCAFU6893\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/imagesCAFU6893_thumb.jpg\" width=\"244\" height=\"143\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Er war dann in G\u00f6ppingen, Marbach und Stuttgart als Volksschullehrer t\u00e4tig. 1896 begann er aber ein Studium des Staatsrechts und der National\u00f6konomie in Freiburg im \u00dcechtland. Im gleichen Jahr arbeitete er aber bereits als Redakteur beim<\/p>\n<p>\u201cDeutschen Volksblatt\u201d, einer katholischen Tageszeitung mit dem Untertitel eine politische Zeitung, die seit 1848 in Stuttgart erschien. Sein Studium schloss er deshalb nicht ab. Gleichzeitig engagierte er sich in<\/p>\n<p>katholischen Arbeitervereinen und der Zentrumspartei, die seit 1881 st\u00e4rkste Reichstagsfraktion war. 1899 beteiligte er sich an der Gr\u00fcndung Christlicher Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Er blieb seinem katholischen und sozialen Milieu,\u00a0 den \u201cKleinen Leuten\u201d treu und schrieb zahllose Briefe und Eingaben. Seine vielen Zeitungsartikel zeugten von seinem enormen Engagement.<\/p>\n<p>1903 wurde er erstmals in den Reichstag gew\u00e4hlt und zwar f\u00fcr den Wahlkreis 16 in W\u00fcrttemberg. Das waren die St\u00e4dte Biberach, Bad Waldsee, Leutkirch und Wangen.<\/p>\n<p>In Biberach hielt er seine Wahlveranstaltungen immer im Gr\u00fcnen Baum ab. Dort ist am 20.12. 2012, also an seinem Geburtstag, ein Saal nach ihm benannt worden.<\/p>\n<p>Erzberger war der j\u00fcngste Reichstagsabgeordnete und kam\u00a0 mit 28 Jahren in den Reichstag. Das aktive und passive Wahlrecht lag damals bei 25. Sein politischer Ziehvater war<\/p>\n<p>der Reichstagsabgeordnete Richard M\u00fcller, in Fulda geboren und von 1893-1918 im Reichstag. In der ersten Legislaturperiode gab es die sogenannten Kolonialskandale. Ein deutscher Kolonialbeamter Georg Schmidt<\/p>\n<p>hatte in Togo mehrere minderj\u00e4hrige Afrikanerinnen vergewaltigt. Das sollte vertuscht werden. Doch Erzberger deckte dies auf. Als dann der Reichstag einen Nachtragshaushalt von 29 Millionen Reichsmark f\u00fcr den Krieg in S\u00fcdwestarika forderte,<\/p>\n<p>kritisiert vor allem Erzberger die umfangreichen Ausgaben und die Kolonialkriege. Daraufhin lehnte die Zentrumsfraktion, selbst nicht ganz einig, den Antrag ab. Eine knappe Mehrheit 177:168 votierte gegen den Nachtragshaushalt.<\/p>\n<p>Reichskanzler von B\u00fclow l\u00f6ste noch am selben Tag den Reichstag auf. Es kam zu Neuwahlen, die auch als \u201cHottentottenwahl\u201d \u2013 wegen des Volksaufstands in S\u00fcdwestafrika bezeichnet wurden. Die Wahlbeteiligung war mit 84,7 % die h\u00f6chste aller bisherigen<\/p>\n<p>Reichstagswahlen. Das Zentrum konnte knapp dazu gewinnen und erreichte nun 105 statt 100 Sitze.<\/p>\n<p>1909 scheiterte der \u201cB\u00fclow-Block\u201d an der Reichsfinanzreform. Es ging vor allem um die Erbschaftssteuer. Dagegen hatten sich vor allem die Konservativen, aber auch das Zentrum gewandt. Als die Mehrheit gegen B\u00fclows Entwurf stimmte, trat er zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Allerdings brachten er die Finanzreform noch vor dem Ende seiner Kanzlerschaft mit ver\u00e4nderten Inhalten und Mehrheiten doch noch durch.<\/p>\n<p>Eindeutiger Sieger der Reichstagswahl 1912 war die SPD mit 34,8 % der Stimmen und 110 Sitzen. Das Zentrum erreichte 16,4 % und 91 Sitze und war damit zweitst\u00e4rkste Kraft.<\/p>\n<p>Im Oktober 1914 wurde durch einen Erlass des Reichskanzlers Bethmann von Hollweg die Zentralstelle f\u00fcr Auslandsdienste eingerichtet. Erzberger \u00fcbernahm\u00a0 die Leitung. Nach seinen Worten\u00a0 sollte sie dem Ausland zeigen, wie es in Deutschland aussieht und<\/p>\n<p>was das deutsche Volk in seiner Gesamtheit anstrebt, um hierdurch ein bleibendes Fundament f\u00fcr die gerechte Beurteilung der deutschen Sache zu schaffen.<\/p>\n<p>Anfangs war Erzberger f\u00fcr die Errichtung einer kontinentalen Hegemonie und f\u00fcr Annexionen vor allem in Belgien, dessen H\u00e4fen eine Ebenb\u00fcrtigkeit mit England sichern sollten. Er war auch gegen ein Nachgeben auf amerikanischen Druck und f\u00fcr den U-Bootkrieg.<\/p>\n<p>Er war noch gegen eine Ablehnung aus v\u00f6lkerrechtlichen Gr\u00fcnden, teilte aber auch nicht den blinden Glauben an die Wunderwaffe. Bis 1916 konnte er seine Partei davon abhalten, sich offen f\u00fcr den uneingeschr\u00e4nkten U-Boot-Krieg auszusprechen.<\/p>\n<p>1916 konnte er sich mit seiner Position auch des sicheren Eintritts der USA in den Krieg bei einem uneingeschr\u00e4nkten U-Boot Krieg nicht mehr durchsetzen. Er hatte sich mittlerweile von einem begeisterten Annexionisten zu einem vorsichtigen Realpolitiker<\/p>\n<p>gewandelt, der das Machtpotential der USA in seine \u00dcberlegungen einbezog. Als einer von wenigen b\u00fcrgerlichen Politikern begr\u00fc\u00dfte er das Friedensangebot von Bethmann Hollweg und setzte vor allem gro\u00dfe Hoffnungen auf das Vermittlungsangebot des<\/p>\n<p>amerikanischen Pr\u00e4sidenten vom 21. Dezember 1916. Er war mittlerweile \u00fcberzeugt, dass der Krieg mit milit\u00e4rischen Mitteln allein nicht mehr zu gewinnen sei. Er war bereit, Vermittlung egal woher sie k\u00e4me, zu akzeptieren. In Deutschland lagen nur noch die<\/p>\n<p>Sozialdemokraten auf dieser Linie. Das Friedensangebot der Mittelm\u00e4chte wurde von der Entente abgelehnt und am 9. Januar 1917 kam es dann zur Entscheidung, den uneingeschr\u00e4nkten U-Boot-Krieg zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Lage wird immer kritischer.\u00a0 In einer Debatte am 6. Juli 1917 fordert Erzberger den Verzicht auf Annexionen.\u00a0 Am 19. Juli 1917 wird von den Mehrheitsparteien, dem Zentrum und den Mehrheitssozialisten eine von ihm initiierte Friedensresolution<\/p>\n<p>eingebracht.<\/p>\n<p>\u201c Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verst\u00e4ndigung und der dauernden Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker. Mit einem solchen Frieden sind erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche oder finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar.<br \/>\nDer Reichstag weist auch alle Pl\u00e4ne ab, die auf eine wirtschaftliche Absperrung und Verfeindung der V\u00f6lker nach dem Kriege ausgehen. Die Freiheit der Meere mu\u00df sichergestellt werden. Nur der Wirtschaftsfriede wird einem freundschaftlichen Zusammenleben der V\u00f6lker den Boden bereiten.\u201d<\/p>\n<p>Dies war \u00fcber die Proteste des Kanzlers und der Obersten Heeresleitung hinweg geschehen und zeigte erstmals einen ernsthaften Riss durch den innenpolitischen Konsens, den der Krieg hervorgebracht hatte. (Kaiser Wilhelm am 1. August in seiner \u201cBalkonrede\u201d:<\/p>\n<p>\u201cIch kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche\u201d) Der Krieg aber war verloren. Am 30. September 1918 trat Reichskanzler Georg Graf von Hartling zur\u00fcck. Ihm folgte Max von Baden nach. Dieser wurde am 3.10.1918 als Reichskanzler und preu\u00dfischer<\/p>\n<p>Ministerpr\u00e4sident berufen. Erzberger wurde zum Minister ohne Gesch\u00e4ftsbereich ernannt. Am\u00a0 6. November \u00fcbernahm er die Waffenstillstandskommission. Am 8. November begannen die Verhandlungen. Auf alliierter Seite sa\u00df der franz\u00f6sische General<\/p>\n<p>Foch. Die Waffenstillstandsbedingungen waren so hart, dass die Annahme einer Kapitulation gleichkam. Erzberger versuchte mit Berlin Kontakt aufzunehmen, erreichte aber nur Hindenburg. Der aber forderte die Annahme des Waffenstillstands, wenn n\u00f6tig unter<\/p>\n<p>allen Bedingungen. Am 11. November 1918 unterzeichneten Foch und Erzberger in dem ber\u00fchmten Eisenbahnwaggon die Kapitulation. Erzberger wusste sehr wohl, was das f\u00fcr ihn bedeutete. Fortan war er die Hassfigur f\u00fcr die Rechten.<\/p>\n<p>Die Herren Milit\u00e4rs hatten sich aber geschickt aus der Verantwortung gezogen, einen Zivilisten vorgeschickt, der das Desaster, das sie angerichtet hatten, ausbaden durfte, sie aber konnten getrost an der \u201cDolchsto\u00dflegende\u201d stricken.<\/p>\n<p>Irgendwie ist es bezeichnend, dass es im Hauptort des Erzbergerschen Wahlkreises nur in einem kleinen Ortsteil eine \u201cErzbergerstra\u00dfe\u201d gibt. Die \u201cHindenburgstra\u00dfe\u201d ist aber nach wie vor die zentralst gelegene Stra\u00dfe Biberachs!<\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/220px-Bundesarchiv_Bild_183-2004-0206-500_Erzberger_auf_dem_Weg_zu_Waffenstillstandsverhandlunge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border-width: 0px;\" title=\"220px-Bundesarchiv_Bild_183-2004-0206-500,_Erzberger_auf_dem_Weg_zu_Waffenstillstandsverhandlungen\" alt=\"220px-Bundesarchiv_Bild_183-2004-0206-500,_Erzberger_auf_dem_Weg_zu_Waffenstillstandsverhandlungen\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/220px-Bundesarchiv_Bild_183-2004-0206-500_Erzberger_auf_dem_Weg_zu_Waffenstillstandsverhandlunge1.jpg\" width=\"224\" height=\"138\" border=\"0\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Dolchsto.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border-width: 0px;\" title=\"Dolchsto\u00df\" alt=\"Dolchsto\u00df\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Dolchsto_thumb.jpg\" width=\"244\" height=\"171\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ab 16. Oktober mehrten sich die Abtretungsempfehlungen, sp\u00e4ter Forderung an Kaiser Wilhelm. Am 28. Oktober reiste der Kaiser zum gro\u00dfem Hauptquartier nach Spa in Belgien ab. Das war im 1. Weltkrieg zun\u00e4chst die milit\u00e4rische Zentrale, sp\u00e4ter auch<\/p>\n<p>die politische der F\u00fchrung des deutschen Kaiserreichs. Die Lage im Reich wurde immer undurchsichtiger und schwieriger. Kaiser Wilhelm wollte noch am 8. November im Einklang mit der Obersten Heeresleitung an der Spitze des Heeres<\/p>\n<p>nach Deutschland einmarschieren. Bald aber wurde klar, dass die Truppe mehrheitlich nicht mehr hinter dem Kaiser stand. Am 9. November gab der Kanzler Max von Baden eigenm\u00e4chtig die Abdankung des Kaisers bekannt. Die Revolution war nach<\/p>\n<p>dem Kieler Matrosenaufstand und der Novemberrevolution in Berlin angekommen. Am 9. November rief Philipp Scheidemann vom Westbalkon des Reichstagsgeb\u00e4udes die Republik aus, auch um Karl Liebknecht zuvor zu kommen. Dieser hatte kurze Zeit sp\u00e4ter<\/p>\n<p>vor dem Berliner Stadtschlo\u00df die \u201cFreie sozialistische Republik Deutschland ausgerufen.\u201d Am 10. November verlie\u00df der Kaiser Spa. Dazu hatte ihm Hindenburg geraten. Am 19. Januar fand die Wahl zur Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung statt.<\/p>\n<p>Diese trat am 6. Februar in Weimar zusammen. Erzberger war ebenfalls in die Nationalversammlung gew\u00e4hlt worden. Das Zentrum hatte 19,7 % der Stimmen oder 91 Sitze erhalten und war hinter der SPD mit 163 Sitzen zweitst\u00e4rkste Kraft.<\/p>\n<p>Die Volksversammlung w\u00e4hlte am 11. Februar Friedrich Ebert zu Reichspr\u00e4sidenten. Dieser beauftragte Scheidemann mit der Regierung. Erzberger gelang es, in seiner Partei eine Mehrheit f\u00fcr eine Beteiligung f\u00fcr eine Koalition mit der SPD zu organisieren.<\/p>\n<p>Das Zentrum stellte drei Minister. Erzberger war Minister ohne Gesch\u00e4ftsbereich und war weiterhin mit\u00a0 Friedensverhandlungen betraut. Im Gegensatz zum Au\u00dfenminister Ulrich Graf von Brockdorf-Rantzau bef\u00fcrwortete er den Versailler Vertrag und wurde deshalb<\/p>\n<p>als\u201d Erf\u00fcllungspolitiker\u201d bezeichnet, was ihm ebenso wie sp\u00e4ter Walther Rathenau zum Verh\u00e4ngnis wurde. Beide wurden zu Opfern von Fememorden der Organisation Consul.<\/p>\n<p>Im Juni ging es vor allem u die Kriegsschuldfrage und ob der Versailler Vertrag unterzeichnet werden solle oder nicht. Erzberger war der Meinung, dass bei einer Ablehnung die v\u00f6llige Besetzung\u00a0 Deutschlands drohe. Bef\u00fcrworter und Gegner\u00a0 waren\u00a0 etwa gleich<\/p>\n<p>stark. Aber am 19. Juni verh\u00e4rteten sich die Fronten. Scheidemann und mit ihm Brockdorff-Rantzau und der Justizminister traten zur\u00fcck. Damit war das Kabinett Scheidemann am Ende. Auf ihn folgte Gustav Bauer. Erzberger wurde Finanzminister im Kabinett Bauer<\/p>\n<p>und setzte die Finanzreform durch.Der Zeitjournalist Robert Leicht meint dazu, \u201cErzberger setzte in wenigen Monaten durch, was einem Paul Kirchof unter Friedensbedingungen nie gelingen w\u00fcrde\u201d: eine v\u00f6llig neue Finanzverfassung f\u00fcr Deutschland. Bis 1918 finanzierte sich der Haushalt des Kaiserreichs aus den sogenannten Matrikularbeitr\u00e4gen. Das waren Abgaben, die die L\u00e4nder zu zahlen hatten. Dabei wurde die H\u00f6he der Beitr\u00e4ge nicht aufgrund der<\/p>\n<p>Wirtschaftskraft der L\u00e4nder sondern ihrer Einwohnerzahl festgelegt. Erzberger f\u00fchrte den direkten Lohnsteuerabzug ein. Das ist die Grundlage des Steuersystems, das heute noch in Kraft ist. Das Reich erhielt die ausschlie\u00dfliche Steuerhoheit. Damit war das Reich<\/p>\n<p>nicht mehr wie im Kaiserreich von den L\u00e4ndern abh\u00e4ngig. Erzberger strebte eine sp\u00fcrbare Entlastung der sozial schw\u00e4cheren Schichten an. Im Dezember 1919 kam noch das Reichnotopfer hinzu, eine einmalige Abgabe auf Einkommen und Verm\u00f6gen, die vor allem<\/p>\n<p>im Besitzb\u00fcrgertum f\u00fcr gro\u00dfe Emp\u00f6rung sorgte. Zwar war die Dringlichkeit unumstritten, brachte ihn aber auf der Rechten in den Ruch eines \u201cKonfiskatorischen Sozialisten\u201d(H.A.Winkler). Die Staatschuld hatte 1913 etwa 5 Milliarden Reichsmark betrag. 1919 waren<\/p>\n<p>daraus 153 Milliarden geworden. Das deutsche Reich hatte den Krieg \u00fcberwiegend \u00fcber Anleihen finanziert\u2013 aber den Krieg verloren. Die Hoffnung dies aus den Reparationen der besiegten Gegner zu bezahlen, war damit geplatzt wie ein sch\u00f6ner Ballon.<\/p>\n<p>Deutschland bat nicht zur Kasse, sondern wurde zur Kasse gebeten. 1921 wurden Deutschland 130 Millionen Goldmark als Reparationszahlungen auferlegt. Das Reichsschatzamt hatte 1919 noch mit maximal 30 Milliarden gerechnet. Einen Staatsbankrott lehnte Erzberger<\/p>\n<p>genau so ab wie Inflation. Beides h\u00e4tte vor allem die kleinen Leute getroffen, die schon 90 % der Kriegsanleihen gezeichnet hatten. Gerade das Reichsnotopfer belegt, dass dies nicht der Erzbergersche Weg war. Allerdings<\/p>\n<p>verpuffte der Effekt eben wegen der Inflation ziemlich wirkungslos. Flankiert wurden die Ma\u00dfnahmen durch die Einf\u00fchrung einer einheitlichen Reichssteuerverwaltung. Steuergesetze sind immer nur so gut, wie sie umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Eine finanztechnische Schulung der Beamten war vorgesehen. Erzberger strebte an<strong>\u00a0<\/strong>\u201ceine im einheitlichen Geiste erzogene und geschulte Beamtenschaft \u201c heranzuziehen. Es war absehbar, dass dieses Vorhaben eine Kapitalflucht zur Folge haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Deshalb hatte Erzberger drastische Grenzkontrollen und drakonische Strafen f\u00fcr Gesetzesverletzungen vorgesehen. Die hohen Steuern waren der Preis f\u00fcr die falsche F\u00fchrung des Krieges durch die Kreise, die jetzt das lauteste Geschrei anstimmten.<\/p>\n<p>In nur acht Monaten hatte Erzberger seine Reform durchgesetzt. Das ging nur, weil er seit der Friedensresolution von 1917 zum Inneren F\u00fchrungszirkel der neuen politischen Entscheidungstr\u00e4ger geh\u00f6rte. Erzberger\u00a0wurde zum meist gehassten Politiker der<\/p>\n<p>Nachkriegszeit. Aber er wehrte sich wie er zum Beispiel in der parlamentarischen Auseinandersetzung vom 25. Juli 1919 zeigte. Da ging es um die Kriegszielpolitik. Er sagte unter anderem<\/p>\n<p>\u00bbJeder Friedensvertrag ist die Schlu\u00dfrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichen M\u00f6glichkeiten eines ma\u00dfvollen und w\u00fcrdigen Friedens immer wieder einen unvern\u00fcnftigen, trotzigen und verbrecherischen Eigensinn entgegenstellten[&#8230;]. Die moralische Verantwortung daf\u00fcr, da\u00df schlie\u00dflich kein besserer Friede mehr m\u00f6glich war, tragen diejenigen, welche die alte Regierung unterst\u00fctzt haben und welche den Kampf gegen die Friedenszielresolution des Reichstags in dieser Weise f\u00fchrten, wie ich sie vorhin zeichnen durfte. Dadurch, da\u00df wir Ihren Waffenstillstand und Ihren Frieden unterzeichnen mu\u00dften, haben wir f\u00fcr Ihre Schuld geb\u00fc\u00dft. Diese Schuld werden Sie niemals los, und wenn Sie hundertmal Ihre H\u00e4nde durch ein \u203aNein\u2039 in Unschuld waschen wollen. Sie werden diese Schuld nicht los, weder vor uns, noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bek\u00e4mpfte die Rechte Erzberger mit allen Mitteln. Schon als er 1909 um die Auseinandersetzungen \u00fcber die Kolonien mit Helfferich die Klingen kreuzte, waren harte Debatten im Parlament erfolgt und Erzberger dr\u00e4ngte Helfferich aus<\/p>\n<p>seinem Amt. Nun schlug dieser zur\u00fcck und griff Erzberger in seiner Artikelserie \u201cFort mit Erzberger\u201d wegen seiner Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen und seiner Rolle als Bef\u00fcrworter des Versailler Vertrags als Vaterlandsverr\u00e4ter und<\/p>\n<p>Novemberverbrecher an. Infam wurde es, als er Erzberger der Steuerhinterziehung bezichtigte und behauptete, Erzberger h\u00e4tte Gelder in die Schweiz verschoben. Ein Vorwurf mit h\u00f6chster Brisanz gerade einem Finanzminister gegen\u00fcber,<\/p>\n<p>der Kapitalflucht unnachsichtig bek\u00e4mpfte. Erzberger blieb gar nichts anderes \u00fcbrig als eine Beleidigungsklage gegen Helfferich anzustrengen. Erzberger gewann seinen Prozess zwar. Die Begr\u00fcndung war aber so schwach, dass das einer Niederlage<\/p>\n<p>gleich kam. Helfferich wurde nur zu einer Strafe von 300 Mark verurteilt. Noch am Tag der Urteilverk\u00fcndung, n\u00e4mlich am 12. M\u00e4rz 1920 trat Erzberger zur\u00fcck. Erzberger zog sich aus der aktiven Politik zur\u00fcck, um sich mit ganzen Kr\u00e4ften seiner Rehabilitierung zu<\/p>\n<p>widmen.Das war wohl auch einigen Zentrumsleuten nicht ganz unangenehm.<\/p>\n<p>Bereits am 26. Januar hatte es ein Attentat auf Erzberger gegeben, bei dem er nur leicht verletzt wurde, aber zutiefst beunruhigt. Der T\u00e4ter, ein ehemaliger F\u00e4hnrich, Oltwig von Hirschfeld wurde zu 18 Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt. 4 weitere Anschl\u00e4ge wurden<\/p>\n<p>noch\u00a0 auf ihn ver\u00fcbt. Seiner Tochter sagte er, &#8222;die Kugel, die mich t\u00f6ten soll, ist schon gegossen&#8220;. Am 26. August 1921 war er mit dem Radolfzeller Reichstagsabgeordneten Carl Diez auf einem Spaziergang bei Bad Griesbach im Schwarzwald unterwegs,<\/p>\n<p>Der Vorwurf des Meineids war schon im Juni bei einer Voruntersuchung zusammengebrochen. Das Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Kapitalflucht war am 17. August 1921 ergebnislos eingestellt worden. Einer R\u00fcckkehr in die Politik stand nichts mehr im<\/p>\n<p>Wege. Auf dem Weg zum Kniebis lauerten ihm Heinrich Tillesen und Heinrich Schulz, beide ehemalige Marineoffiziere und Mitglieder der rechten Organisation Consul auf.<\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/8schulz_tillessen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border: 0px;\" title=\"8schulz_tillessen\" alt=\"8schulz_tillessen\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/8schulz_tillessen_thumb.jpg\" width=\"134\" height=\"134\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Beide konnten fliehen und nach der Macht\u00fcbernahme durch die Nazis wurden beide 1933 nach der Straffreiheitsverordnung aus demselben Jahr amnestiert\u00a0 <i>\u201eF\u00fcr Straftaten, die im Kampfe f\u00fcr die nationale Erhebung des Deutschen Volkes, zu ihrer Vorbereitung oder <\/i><\/p>\n<p><i>im Kampfe f\u00fcr die deutsche Scholle begangen sind, wird Straffreiheit (\u2026) gew\u00e4hrt.\u201c <\/i>auch nochmals 1946.<\/p>\n<p>Erst 1947 wurde die\u00a0 Amnestie nach einem \u00f6ffentlichen Skandal aufgehoben und Tillesen 1947 in Konstanz zu 15 Jahren Zuchthaus und Schulz in Offenburg zu 12 Jahren\u00a0 Zuchthaus verurteilt. Beide sa\u00dfen nur einen Teil der Strafe ab. Tillesen<\/p>\n<p>wurde 1952\u00a0 Haftverschonung gew\u00e4hrt. Im Dezember wurde die Reststrafe zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt.1958 wurde die Strafe auf dem Gnadenweg erlassen. Auch die Witwe von Erzberger hatte sich f\u00fcr die Begnadigung ausgesprochen. Tillesen verstarb mit 90.<\/p>\n<p>Auch bei Heinrich Schulz war die Strafe im Dezember 1952 zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt worden.<\/p>\n<p>Matthias Erzberger wird am 31.8. 1921 unter gro\u00dfer Anteilnahme der Bev\u00f6lkerung auf dem katholischen Friedhof in Biberach beigesetzt. Am selben Tag fanden im ganzen Reich Protestkundgebungen gegen den Rechtsradikalismus statt.<\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/media_media_551af294-59e9-4ab8-87f4-bcbbfd6e1dd6_normalized.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border: 0px;\" title=\"media_media_551af294-59e9-4ab8-87f4-bcbbfd6e1dd6_normalized\" alt=\"media_media_551af294-59e9-4ab8-87f4-bcbbfd6e1dd6_normalized\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/media_media_551af294-59e9-4ab8-87f4-bcbbfd6e1dd6_normalized_thumb.jpg\" width=\"244\" height=\"156\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Matthias Erzberger war einer der gestaltungsm\u00e4chtigsten Politiker des sp\u00e4ten Kaiserreichs und der fr\u00fchen Republik.Erzbergers Leistung als Finanzminister w\u00fcrdigte schlie\u00dflich Alex M\u00f6ller, der bis 1971 Finanzminister in der sozialliberalen Koalition<\/p>\n<p>im Kabinett Brandt war.\u00a0 Ein Gedenken Erzbergers hat vor allem seine Hauptleistung zu umfassen: das gro\u00dfe finanzpolitische Reformwerk, das nachhaltig bis in unsere Gegenwart hereinwirkt. Seine Reform der Finanzverwaltung hat ein geschlossenes Verwaltungssystem geschaffen, das &#8211; unbeschadet des Wandels in der Verwaltungshoheit &#8211; in dem einheitlichen Beh\u00f6rdenaufbau, dem einheitlichen Besteuerungsverfahren, den einheitlichen Verwaltungsrichtlinien und der einheitlichen Fachausbildung der Finanzbeamten fortlebt und damit eine m\u00f6glichst gleichm\u00e4\u00dfige Steuererhebung in allen Bundesl\u00e4ndern gew\u00e4hrleistet. Seine Reform des Finanzausgleichs hat in \u00dcberwindung des entwicklungshemmenden Matrikularbeitragssystems dynamische L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten der Steuerverwaltung zwischen Oberstaat, Gliedstaaten und Gemeinden eingeleitet; das heutige Steuerverbundsystem in der Bundesrepublik geht im Prinzip auf das Vorbild der\u00a0 Erzbergerschen\u00a0 Reform zur\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/357px-Erzberger-grab.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"background-image: none; padding-left: 0px; padding-right: 0px; display: inline; padding-top: 0px; border: 0px;\" title=\"357px-Erzberger-grab\" alt=\"357px-Erzberger-grab\" src=\"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/357px-Erzberger-grab_thumb.jpg\" width=\"147\" height=\"244\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. September 1875 wird Matthias Erzberger in dem kleinen Albd\u00f6rfle bei M\u00fcnsingen geboren. Er war eines von 6 Kindern des Postboten und Schneiders Josef Erzberger und dessen Frau Katharina geborene Flad. Sein Geburtshaus ist heute die Erzberger-Gedenkst\u00e4tte. In Bichishausen, Nachbarort von Buttenhausen und beides Teilorte der Gemeinde M\u00fcnsingen besuchte er die Volksschule. Schon dort [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-2005","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-personen-der-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2005"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2005\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2340,"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2005\/revisions\/2340"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.transtrend.de\/franzkarl\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}